Colin Chilvers - Regisseur

Smooth Criminal gehört unbestreitbar zu den größten Erfolgen in Michael Jacksons Videographie. Für den Clip zeichnet sich Colin Chilvers verantwortlich, ein englischer Spezialist für Spezialeffekte, der zwei Jahre lang mit Körper und Seele in dieses ehrgeizige Projekt eintauchte, das selbst 20 Jahre später seinen Reiz nicht verloren hat...

Wie kam es dazu, dass Sie den Clip zu Smooth Criminal realisiert haben?
Zu jener Zeit arbeitete ich als Regisseur von Werbespots in Los Angeles. Einer von meinen Stammmitarbeitern, Kevin Pike, hatte gerade die Spezialeffekte für „Zurück in die Zukunft“ gemacht, und Michael hatte sich mit ihm in Verbindung gesetzt, um mit ihm Smooth Criminal zu besprechen. Michael war von den visuellen Effekten in „Zurück in die Zukunft“ sehr beeindruckt gewesen, und da eine seiner Ideen für den Clip war, sich in ein Auto verwandeln zu können, erschien es ihm natürlich, denjenigen anzurufen, der tatsächlich den berühmten De Lorean von Marty McFly erschaffen hatte. Kevin erzählte später Michael von mir, und machte ihm deutlich, dass ich mehrmals mit Kindern gedreht hatte, was für ihn wichtig war, da Kinder in dem Clip mitspielen sollten. Als Michael davon erfuhr, dass ich für die Spezialeffekte, die ich für „Superman“ entworfen hatte, auch einen Oskar gewann, glaube ich, dass er schließlich davon überzeugt war, dass ich der Richtige war! Also trafen wir uns, und ich legte ihm einige Ideen vor, die mir für dieses Video eingefallen waren. Michael war begeistert, und hat mich somit angeheuert...

Wann begannen Sie mit der Arbeit an Smooth Criminal?
1985, wenn ich mich richtig erinnere. Insgesamt arbeiteten wir zwei Jahre an diesem Projekt, das mit der Zeit immer größere Ausmaße annahm, bis daraus schließlich Moonwalker wurde.

Somit war das Konzept zu Smooth Criminal damals noch ungenau...
Ja, Michael hatte ein paar Ideen im Kopf, etwa die, sich in ein Auto oder in einen Roboter verwandeln zu können. Grundsätzlich sollte der Clip nur 17 Minuten dauern, doch als David Newman und ich uns mit dem Drehbuch befassten, begannen die Dinge, größer zu werden, und schließlich durchbrachen wir diese Grenze, die wir uns gesetzt hatten!

Wie man der Sendung „Michael Jackson’s Private Home Movies“ entnehmen kann, hatte Michael zunächst in Betracht gezogen, dass der Clip sich in einer Western-Atmosphäre abspielt...
In der Tat, das war seine ursprüngliche Idee. Doch auf eine sehr natürliche Art überdachte Michael dieses Konzept schnell. Dank eines Mannes, den er am meisten bewunderte: Fred Astaire. Mit diesem Clip wollte Michael Fred Astaire eine große Ehre erweisen, im Besonderen für den berühmtem Film „Vorhang auf!“ von Vincente Minnelli...

Der berühmte „Girl Hunt Ballet“ in „Vorhang auf!“ hatte in der Tat starken Einfluss auf Smooth Criminal. Michael schien richtig besessen von dieser Sequenz, die sogar weitere Werke von ihm beeinflusste.
Michael war in der Tat fasziniert von dieser Tanzsequenz, die für die damalige Zeit bahnbrechend war, wurde der Film doch in den 50ern gedreht. Diese unglaubliche Nummer zeigte ihm, wie man einen Tanz verbessern kann. Smooth Criminal war somit für ihn die Gelegenheit, Fred Astaire zu würdigen. Und dieses Verlangen, ihn zu ehren, wurde noch stärker, als Michael vom Ableben von Fred Astaire erfuhr. Letzterer starb seltsamerweise während des Drehs von Smooth Criminal. Michael war natürlich von seinem Tod sehr betroffen. Das ist eine der Erklärungen dafür, warum er entschied, dasselbe Kostüm zu tragen wie Fred in dem Film. Michael wollte Fred nicht kopieren, sondern ehren. Eines Tages erschien Hermes Pan, jahrzehntelang Fred Astaires Choreograph, am Set von Smooth Criminal, und wohnte dem Dreh von mehreren Szenen im Club 30’s bei. Er vertraute uns, Michael und mir, an, dass Fred sehr stolz darauf gewesen wäre, was wir machten. Sie können sich vorstellen, wie Michael das berührte... Es war ein sehr bewegender Augenblick.

Haben Sie sich, von „Vorhang auf!“ abgesehen, noch von weiteren Filmen inspirieren lassen?

Ich zeigte Michael Filme aus Hollywood von Ende der 30er und von Anfang der 40er Jahre, die für den „Film noir“ stehen, und in jener Zeit sehr beliebt waren. Diese Filme zeichneten sich unter anderem durch ein sehr expressionistisches Licht, und eine sowohl seltsame als auch traumhafte Stimmung aus. Das waren hauptsächlich Gangsterfilme, sahen aber sehr stilvoll aus. Vor allem zeigte ich ihm „Der dritte Mann“ von Carol Reed, mit Orson Welles, es gefiel ihm sehr. Die Szene, in der man während der Verfolgung Michaels riesigen Schatten auf einer Mauer sieht, ist unmittelbar von diesem Film inspiriert. Die etwas eigenartigen und sprunghaften Kameraeinstellungen in Smooth Criminal, der starke Lichtkontrast, stammen ebenso unmittelbar von „Der dritte Mann“...

Wann begannen die Dreharbeiten?
1986, wenn ich mich richtig erinnere. Zu der Zeit hatte Michael die Aufnahmen von Bad immer noch nicht beendet, und wir mussten den Dreh übrigens um drei Monate verschieben, da er seine Arbeit im Studio beenden musste. Was gar nicht so schlimm war, da wir so den Dreh besser vorbereiten konnten...

War irgendwann die Rede davon, dass Smooth Criminal die erste Single und der erste Clip von Bad sein würde?
Nein. Vor Smooth Criminal hatte Michael bereits die Clips zu Bad sowie zu The way you make me feel im Kasten. Er wollte, dass Smooth Criminal die Riesennummer vom Album schlechthin wird, das Hauptgericht von Bad.

Unbestritten ist es das. Lasst uns ein wenig über die Tanzsequenzen sprechen. War Michael beim Vortanzen der Tänzer anwesend?
Ja, er legte auch wirklich Wert darauf. Michael bewunderte nicht nur die Talente des Tänzers Fred Astaire, sondern wandte auch dieselben Arbeitsmethoden seines Idols an. So erfuhr Michael, dass Fred Astaire stets beim Vortanzen seiner Tänzer anwesend war, somit machte er es genauso! Sie können sich vorstellen, wie wichtig diese Person für ihn war. Er bewunderte seine Kunst, aber auch die Arbeitsethik.

Wie lange dauerten die Proben für die Tanznummern?
Am Set probten wir einen Monat lang, mit 46 Tänzern, die im Clip zu sehen sind. Michael war nicht die ganze Zeit da, er kam nur in den letzten fünf Tagen zum Set. Das reichte ihm weitgehend. Als er zum Dreh erschien, war alles fix und fertig. Man spürte, dass er viel bei sich geübt hatte...

Wie lange dauerte der Dreh der Sequenz im Club 30’s?
Wir hatten für den Dreh 6 Tage vorgesehen... woraus schließlich 20 Tage wurden!

Warum dauerte der Dreh letztlich so lange?

Michael hatte einfach die Freiheit, solange zu drehen, wie er wollte. Ihr wisst sicherlich, was für ein großer Fan von Charlie Chaplin er war. Nun, da Charlie Chaplin sein eigener Produzent war, konnte er es sich erlauben, solange zu drehen wie er wünschte. Michael wollte es genauso machen. Er bezahlte den Smooth Criminal – Clip aus eigener Tasche, war somit hinsichtlich des Budgets zu nichts verpflichtet. Er wollte, dass dieses Video perfekt wird, und er war bereit, sich alle nötige Zeit zu nehmen.

Sie hatten wohl selten die Gelegenheit, unter solch idyllischen Bedingungen arbeiten zu können...
Mensch, das war der Traum eines jeden Regisseurs! Jeden Tag beim Frühstück sahen wir uns in einem Kinosaal an, was wir am Vortag gedreht hatten, um zu sehen, was es zu verbessern gab. Die 150 Mitglieder vom Team waren während der Aufführung dieser Musteraufnahmen anwesend, Michael miteingeschlossen. Und es war genial, zu hören wie er rief „Wow, das war genial!“, wenn er gerade etwas gesehen hatte, was ihm wirklich gefiel. Es herrschte eine richtig festliche Stimmung im Saal. Es war für uns wie ein tägliches Familientreffen... All das wurde von einem Team gefilmt, das das Making Of vom Clip erstellte. Ich hoffe, dass Sie eines Tages diese Bilder werden sehen können...
(In der Tat, auch hier eine Schande, dass die breite Masse nichts davon jemals zu sehen bekam. Jedenfalls offiziell wurde bekanntlich so gut wie nichts veröffentlicht, Anm. des Übersetzers)

War es schwer, die legendäre lean – Bewegung, wo Michael sich nach vorne beugt, in Szene zu setzen?
Nein, so kompliziert war das gar nicht. Da ich in der Vergangenheit Superman zum Fliegen gebracht habe, wusste ich, dass ich schon einen Trick finden würde, um es Michael zu ermöglichen, sich um 45 Grad niederzubeugen. Zuallererst erschufen wir ein System, das es möglich machte, die Schuhe der Tänzer in den Boden einzufügen, so dass sie sich nach vorne beugen konnten, ohne hinzufallen. Ebenso benutzten wir dicke Seile, damit Michael und die anderen sich in derselben Neigung niederbeugen konnten. Als Michael den lean ausführte, konnte er sehr weit nach unten gehen, bestimmte andere Tänzer jedoch nicht. Somit dienten diese Seile dazu, sie bis zu einem bestimmten Punkt festzuhalten. So wurde sichergestellt, dass Michael nicht weiter nach unten kommen würde, als die anderen! (Logik hier etwas unklar, wenn Michael weiter nach „unten“ kam, als die anderen, dann hätte doch eher er ein Seil zum Abbremsen gebraucht, und nicht die Tänzer, oder? Anm. des Übersetzers)

Am Ende von Moonwalker kann man eine Gruppe afrikanischer Sänger sehen, nämlich Ladysmith Black Mambazo, auf dem Set des Clips. Warum wollte Michael sie einladen?
In der Zeit, in der wir drehten, besuchten Michael und ich ein Konzert von Paul Simon, und er wurde auf der Bühne von dieser unglaublichen Gruppe begleitet. Michael wurde total verrückt nach diesen Sängern, und wir überlegten dann, wie wir sie in den Clip miteinbeziehen könnten. Da kam Michael die Idee, sie ans Set kommen zu lassen, ohne dem Team Bescheid zu sagen, und so drehten wir, ohne irgendetwas zu planen. Alle waren sehr ergriffen, genau wie Michael, der zu weinen begann. Es war ein völlig improvisierter und zauberhafter Augenblick.

Die Stelle im Clip, wo die Lichter ausgehen, und wo Michael und die Tänzer in eine Art Trance geraten, war ebenfalls improvisiert, nicht wahr?
Ja, Michael wollte eine Art von Sequenz, wo all die Tänzer und er sich frei ausdrücken konnten. Jeder hatte die Freiheit, das zu tun, was er wollte. Michael und die Tänzer stürzten sich in diese gewisse Trance bis zum finalen Höhepunkt. Es war vorbei, als Michael „Annie, Are You OK?“ rief, und er ließ diesen Moment des Erlangens von Kraft lange andauern. Manchmal konnte das 20 Minuten dauern! Es kam vor, dass es uns an Filmband mangelte, da wir am Ende der Rolle angelangt waren! Da wir mit fünf Kameras gleichzeitig filmten, fehlte es uns glücklicherweise in keiner Sekunde. Diese Sequenz ähnelt einer zen-buddhistischen, besinnlichen Erfahrung. Es war fantastisch, das zu sehen. Wer, außer Michael, hätte auf eine solche Idee kommen können? Es war unglaublich, einfach unglaublich, dabei zu sein...

War Michael voll und ganz zufrieden mit dem letztendlichen Ergebnis?
Ich glaube ja. Laut Personen, die später mit ihm zusammenarbeiteten, war Smooth Criminal sein Lieblingsclip. Michael hat sich zu 200% in dieses Projekt eingebracht, vielleicht mehr als in jeden anderen Clip, den er später drehte. (You Rock My World? lol, Anm. des Übersetzers) Weil er frei war, völlig frei in kreativer Hinsicht. Es gab niemanden, der ihn unter Druck setzte, oder ihm sagte, dass man aufhören müsse, zu drehen, sei es aus Zeit- oder Kostengründen. Er war DER Chef.

Haben Sie eine lustige Anekdote parat, den Dreh betreffend?
Zu Beginn des Drehs, hatte Michael darum gebeten, dass große Lautsprecherboxen auf dem Set eingerichtet werden, um den Song bei voller Lautstärke laufen zu lassen. Sie hätten sein Gesicht sehen sollen, als am nächsten Tag die Lautsprecher sah, die man ihm zur Verfügung gestellt hatte! Für uns waren sie bereits groß, sie waren wohl einen Meter hoch, doch für Michael waren sie stinknormal! Er sagte zu uns: „Das nennt Ihr Boxen? OK, ich kümmere mich darum...“ Am folgenden Tag, hatte er eine Wand mit riesigen Boxen einrichten lassen. Dann drehte er den Song voll auf, und, wow!, mein ganzer Körper begann zu vibrieren. Die Lautstärke hat einen richtig fertig gemacht. Dann sah Michael uns an, und sagte lachend: „Das sind richtige Boxen!“ Wenn er tanzte, brauchte Michael die größtmögliche Lautstärke. Das half ihm dabei, die Schwingung der Musik am intensivsten zu spüren. Für ihn war Tanz vor allem etwas Organisches.

Was macht Smooth Criminal, selbst 20 Jahre nach dessen Dreh, zu einem weiterhin derart modernen Werk, Ihrer Einschätzung nach? Einige von Michaels Clips sind ein wenig in die Jahre gekommen, doch dieser hat nichts von seinem Glanz verloren...
Es freut mich sehr, dass Sie so etwas sagen. Wir versuchten nicht nur „modern“ zu sein. Es liegt wohl daran, dass es uns möglich war, ein zeitloses Werk zu erschaffen, welches nicht in einem bestimmten Zeitalter verankert ist. Doch was dieses Werk so zeitlos macht, ist vor allem Michaels Talent. Wie Elvis oder die Beatles, besaß Michael ein Talent, das Grenzen und Zeitschranken überschreiten konnte...

Hat Michael Ihnen von seinem Traum erzählt, eines Tages selber einen Film zu machen?
Ja, ich habe schnell begriffen, inwieweit die Umsetzung ihn begeisterte. Zum Beispiel war eines seiner Hobbies, sich professionelle Kameras zu kaufen, etwa von Panavision, um zu verstehen, wie sie funktionieren. Einige von seinen Kameras waren mehrere Hunderttausend Dollar wert! Beim Dreh von Smooth Criminal, vertraute mir Frank Dileo an, dass Michael sich für den Clip unter anderem deshalb dermaßen ins Zeug legte, weil es für ihn war, wie an einem richtigen Regiekurs teilzunehmen! Michael wollte sämtliche technischen Aspekte des Kinos lernen und beherrschen. Er interessierte sich für die Schnitttechnik. Es war wichtig für ihn, zu wissen, wie man eine Geschichte visuell erzählt, und zu verstehen, warum ein Regisseur oder ein Cutter entschied, an dieser oder jener Stelle, eine Szene zu schneiden. Ich denke, dass aus ihm ein guter Regisseur hätte werden können.

Blieben Sie nachher mit Michael in Kontakt?
Wir haben uns ein paar Mal wiedergesehen, doch Michael gehört (sic, Anm. des Übersetzers) zu den Leuten, die vollständig zu etwas anderem übergehen, sobald sie die Arbeit an einem Projekt beendet haben. Und dann war es derart schwer, sich mit ihm wieder in Verbindung zu setzen... Bevor man ihn ans Telefon bekommen konnte, musste man zunächst an einer Armee von Leuten vorbei... Doch in der Zeit des Drehs, ging unsere Verbindung über das Berufliche hinaus. Wir sahen uns oft außerhalb vom Set. Insbesondere begleitete ich ihn in seinen Lieblingsbuchladen, wo er tonnenweise Kunstbücher kaufte. Auch haben wir mehrmals bei mir zu Abend gegessen. Wir waren nur zu dritt, meine Frau, Michael und ich, und es herrschte eine lockere und gemütliche Stimmung. Wir redeten über alles Mögliche, sahen uns Filme an... Auch gingen Michael und ich in Robocop ins Kino, als er herauskam. Genau dieser Film brachte Michael übrigens auf die Idee von diesen riesigen Kanonen, die am Ende aus seinen Armen hervorbrechen, wenn er sich in den Roboter verwandelt. Er fand das sehr cool!

Credits - deutsche Exklusiv-Version:
Originalgetreue Übertragung aus dem Französischen ins Deutsche:
„Hector“ – mjackson.net Forum / „BritBrit“ – mjackson.net Forum
Ergänzende Anmerkungen sowie Zusatzinformationen:
Exklusiv bereitgestellt von „Hector“ – mjackson.net Forum.
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gleichzeitiger Erwähnung der beiden Übersetzer -
„Hector“ – mjackson.net Forum / „BritBrit“ – mjackson.net Forum
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Angefertigt November 2009 – Januar 2010, ehrenamtlich und unentgeltlich:
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