George Kerwinski - Chauffeur

Der Tourmanager George Kerwinski begleitete die Deutschlandtourneen von Michael Jackson 1988, 1992 und 1997 als Fahrer und teilweise als persönlicher Betreuer des Sängers. Kerwinski schreibt an seinen Erinnerungen, die demnächst als Buch erscheinen sollen. Ein Auszug:

 


Um ziemlich genau 15 Uhr ließ mich Michaels persönlicher Betreuer Bray wissen: "Michael wants to go to the zoo right now"!"

Mir stockte der Atem. Jetzt? An einem sonnigen Sonntagnachmittag, an dem Tausende von Besuchern den Zoo bevölkerten? Unmöglich! Verzweifelt suchte ich nach einer Möglichkeit, wie das trotz der Besuchermassen doch noch zu bewerkstelligen wäre. Während ich noch ratlos dastand, fragte Bray höflich, aber mit bestimmtem Unterton: "Why don't you go and buy three regular tickets? One for me, one for you and one for Michael." Ich muss blass wie ein Stück Papier gewesen sein und war der Ohnmacht nahe. Vor dem Hotel hatten sich bereits Hunderte von kreischenden Jackson-Fans versammelt. Allein dieses Hindernis zu überwinden, schien mir unmöglich. Sie hätten uns in Stücke gerissen, bevor auch nur einer von uns die Zufahrt vor dem Hotel hinter sich gelassen hätte.

Was ich in diesem Moment jedoch nicht ahnen konnte: Michael hatte für solche und ähnliche Gelegenheiten eine ansehnliche und absolut überzeugende Palette von Maskeraden entwickelt. Ich trollte mich also, besorgte die Eintrittskarten und begab mich dann in das hermetisch abgeriegelte Stockwerk, in dem der gesamte Jackson-Clan untergebracht war. Auf dem Flur wimmelte es von geschäftigen Farbigen, die mir alle gleich auszusehen schienen.

Endlich entdeckte ich Bill Bray und wollte ihm die Tickets aushändigen. Er sah mich an und strahlte:

"Okay, let's go!" Überrascht fragte ich: "Is Michael not coming?" Er nickte, grinste deutete auf den Burschen, der neben ihm stand: "Why, he is right here!"

Schon marschierten die beiden los, ich stolperte hinterher. Dieser Mensch da also sollte Michael Jackson sein? Auf dem Weg zum Lift bestaunte ich seine meisterliche Tarnung: Auf dem Kopf trug er eine Afroperücke, dazu seitlich aufgeklebte, buschige Koteletten, einen dünnen Oberlippenbart und ein Plastikgebiss mit schiefen Vorderzähnen. Um seine Hüfte hing ein vorn zusammengeknoteter Pullover, und auf der - damals noch recht gewöhnlichen - Nase saß eine riesige schwarze Sonnenbrille.

Im Aufzug erklärte ich Bill, dass ich unseren Wagen in der Parkgarage abgestellt hatte und wir von dort unbehelligt zum Zoo fahren könnten. Bill und der getarnte Jacko lachten wie zwei Lausebengels, die einen lustigen Streich ausgeheckt hatten. Michael wolle lieber zu Fuß gehen, ließ mich sein Begleiter wissen. Als wir die Tiefgarage verließen, hörten wir aus der Richtung des Hotelportals einen monotonen Kinderchor.

"Michael, Michael, show your face", skandierten die Fans und verrenkten sich dabei den Hals, weil sie hofften, ihr Idol würde sich an einem der Fenster zeigen. Keine 50 Meter vom belagerten Haupteingang des Hotels entfernt kreuzten wir die belebte Budapester Straße und schlenderten wie ganz gewöhnliche Touristen durch eine Seitenstraße in Richtung Zoo. Der einzige von uns dreien, der bei diesem Spaziergang nervös war und sich immer wieder angespannt umschaute, war ich selbst. Bill und Michael aber wirkten vollkommen relaxt, plauderten und kicherten miteinander. So langsam legte sich nun auch meine Panik, dass uns irgendwer erkennen könnte.

Kurz bevor wir die Ecke an der Hauptstraße zum Zoo erreichten, geschah es: Urplötzlich, wie aus dem Nichts, stürzte ein Mann auf uns zu. Am ganzen Körper zitternd, schweißnass im Gesicht stammelte er "Michael, Michael" vor sich hin. Im nächsten Moment erkannte ich ihn. Es war Rüdiger. Bei meinen vielen Berlinbesuchen gehörte er fast zum Inventar. Er war ein fanatischer Autogrammjäger und eigentlich harmlos. Auf den ersten Blick wirkte er mit seinem dünnen Oberlippenbärtchen, seiner runden Nickelbrille, dem sorgfältig gescheitelten Haar und seinem leicht abgewetztem Trenchcoat wie ein Beamter.

Hastig versuchte ich ihn abzuwimmeln, aber Rüdiger war jetzt im Jagdfieber, ganz außer sich und nicht zu stoppen. "Michael, Michael, please..." - weiter kam er nicht. Denn nun übernahm Bill das Kommando, stoisch brummte er: "Go away, this is not Michael." Aber Rüdiger wusste es besser, schließlich kannte er auch mich. Mir blieb nichts anderes übrig, als Bill vorzuschlagen, dass Michael schnell ein Autogramm schrieb, wir dann Rüdiger los würden und ohne großes Aufsehen verschwinden konnten. Die Situation war brenzlig genug. Wenn schon Rüdiger wusste, so schoss es mir durch den Kopf, dass der Herr mit der Lockenpracht Michael Jackson war, wo würden dann all die anderen Sammler lauern? Kurz entschlossen riss ich Rüdiger die Mappe aus der Hand und drückte Jackson zwei Fotos zum Unterschreiben in die Hand. Gleichzeitig vergatterte ich Rüdiger zu absolutes Stillschweigen, ansonsten, so drohte ich, würde er leer ausgehen. Jacko unterschrieb und wenige Sekunden später flitzte der überglückliche Rüdiger davon.

Die erste Hürde war genommen. Nur noch 150 Meter bis zum Zooeingang. Dort angekommen, reihten wir uns in die Warteschlange ein. Bill fragte plötzlich, ob es denn auf dem Zoogelände auch eine Sanitätsstation gebe. Völlig verdutzt fragte ich ihn, ob er denn Hilfe benötige. Nein, lächelte er gütig, stattdessen wollte er einen Rollstuhl haben, mit dem er Michael durch den Zoo schieben könnte. So würde die Tarnung noch besser sein und unser Trio wohl noch unverdächtiger erscheinen.

Kurz hinter der Kasse fanden wir eine Ambulanzstation, dort aber gab es keinen Rollstuhl. Also schlenderten wir los wie ganz normale Besucher, die wir ja eigentlich auch waren. Grinsend erzählte Bill, dass Michael ihn in ähnlichen Situationen, mit einem weißen Kittel bekleidet, durch die Gegend geschoben habe und sich das Ganze bestens bewährt hatte.

Unser erster Weg führte uns natürlich ins Affenhaus. Noch immer suchte ich mit Argusaugen die Umgebung nach Fans ab, die uns eventuell erkannt haben könnten. Und tatsächlich, etwa 20 Minuten später, beim Verlassen des Primatengeheges, entdeckte ich in der Ferne ein mächtig großes Teleobjektiv, das aus einem Gebüsch ragte. Jemand musste uns verraten haben. Später sollte ich erfahren, dass die Pressechefin des Intercontinental Hotels, die auch den Kontakt zum Zoodirektor hergestellt hatte, die Berliner Presse über unseren Zoobesuch informiert hatte. Jetzt aber wusste ich das nicht. Und plötzlich wimmelte es von Fotografen. Sie saßen auf Bäumen und lagen in Gebüschen auf der Lauer. Auch Bill und Michael hatten inzwischen entdeckt, was um sie herum los war. Aber überraschenderweise schien sie das nicht weiter zu stören. Bill bat mich, ein Stück vorauszueilen und den Fotografen zu sagen, dass sie ihre Fotos aus der Entfernung machen sollten. Dann wäre alles okay. Ich tat, was er wollte, und siehe da, die Fotografen hielten sich tatsächlich daran.

So konnten wir sage und schreibe zwei Stunden unbehelligt durch den Zoo strolchen, bis wir auf eine Gruppe von Pfadfindern, genauer gesagt auf amerikanische Boyscouts stießen. Keiner der Jungs war älter als zehn Jahre. Als wir uns näherten, schoss plötzlich ein Arm aus der Gruppe, zeigte auf uns, und ein schrilles Stimmchen kreischte: "Michael Jackson!"

Nun war's also doch noch passiert. Um Michaels Tarnung noch glaubwürdiger zu machen, nahm Bill in diesem Moment seine Baseballkappe ab und stülpte sie Michael über. Der aber bewegte sich ganz entspannt auf die Kinder zu und unterhielt sich sogar mit ihnen! Nach wenigen Minuten war er wieder bei uns, und die Kinder zogen zufrieden weiter. Glücklicherweise hatte es kein weiteres Aufsehen gegeben.

Kinder scheinen für so etwas einen sechsten Sinn zu haben, denn verblüffenderweise wurde Jackson auch bei späteren Ausflügen trotz höchst geschickter Verkleidung wenn überhaupt nur von Kindern erkannt. Nach dem Zwischenfall mit den Pfadfindern beschlossen wir, den Zoobesuch zu beenden. Ich setzte die beiden in einem Raum der Rotkreuzstation ab und hetzte zurück ins Hotel, um mein Auto zu holen. Dann fuhr ich den 730er BMW direkt auf den Bürgersteig vor dem Zooeingang. Bill und Michael legten die wenigen Schritte bis zum Auto zurück, ohne erkannt zu werden. Sicherheitshalber legte sich Michael während der Fahrt flach auf den Rücksitz. Als ich losfuhr, fragte er: "What kind of car is this?" Ich antwortete: "It`s a BMW". Darauf Michael: "A BM-what?"

Er schien von dieser Marke tatsächlich noch nicht gehört zu haben.