Dieter Wiesner 3

„Michaels Kraft und Trost kam von den Fans“

Dieter Wiesner spricht mit einer großen Zuneigung über Michael, die stellenweise fast schmerzhaft wird. Vor allem wenn er darüber spricht, wie oft und wie sehr Michael von allen möglichen Leuten weh getan wurde. Wie es Michael in der Prozess-Zeit ging.
„Er war ein stolzer Mann, mit viel Würde und Anstand. Ihn zu sehen, wie er total fertig war – es war kaum auszuhalten. Nachdem klar wurde, dass er angeklagt wird, war er erst einmal völlig am Boden. Er konnte es einfach nicht fassen, dass ihm das angetan wurde. Aber nach dieser Zeit der Niedergeschlagenheit, packte er sich quasi am Kragen und seine Einstellung änderte sich. Er wurde wieder der Kämpfer und er war bereit, alles in Angriff zu nehmen. Aber nichtsdestotrotz war es eine unglaublich schwere Zeit für ihn.“ Wiesner wird merklich emotional, als er sagt: „Wenn er die Fans nicht gehabt hätte, wäre es ihm glaube ich sehr schwer gefallen, einen weiteren Sinn im Leben zu sehen.“

Das schockierte mich ein wenig. Dass Michael seine Fans wirklich liebte, das war mir klar. Aber mir war wohl nicht bewusst, zu welchem Ausmaß er Kraft aus der Tatsache schöpfte, dass seine Fans ihn liebten.

„Wenn es ihm schlecht ging und er niedergeschlagen war, haben wir ihn mit Fan-Geschenken und Briefen aufgemuntert. Und er liebte es wirklich aus ganzem Herzen. Vor allem die Gemälde. Nicht nur während dieser Zeit, sondern überhaupt. Egal wo wir waren – wenn Fans da waren und er sah irgendwelche Zeichnungen oder Gemälde, sagte er immer: Get me the pictures, get me those pictures! [Bringt mir die Bilder, Bringt mir die Bilder!]“ erinnert sich Wiesner und gestikuliert, wie Michael diese Bitte mit einer Handbewegung unterstrich.

Was bedeuteten Michael die Fans?

„Alles,“ sagte Dieter Wiesner ohne zu zögern. „Sie waren seine Familie. Sie waren sein Halt und sie gaben ihm Kraft. Mehr als alles andere. Und er liebte sie über alles dafür. Und er sagte es auch seinen Kindern. Immer wenn wir irgendwo waren, in Hotels oder so. Er zeigte ihnen die Fans und erklärte, was sie ihm bedeuteten und wie sehr sie ihn liebten.“

Waren seine Geschwister und Eltern nicht eher die Unterstützung? Vor allem in den Prozess Tagen?

„Sie waren da und das war auch gut. Aber Michaels Kraft und Trost kam von den Fans, ganz eindeutig. Er liebte sie über alles. Ich meine, er respektierte seine Geschwister und Eltern und liebte sie. Er sorgte immer dafür, dass es ihnen gut geht und dass es an nichts fehlt. Aber diese Nähe und Liebe – die kam mehr von den Fans. Immer wenn er sagte, dass er sie liebt und I love you more – das war wirklich so.“

Anderweitige Unterstützung – außer seitens der Familie und der Fans – gab es kaum. Seine berühmten „Freunde“ hatten ihn größtenteils im Stich gelassen.

„Michael war sehr enttäuscht davon. Wir haben ja einige der Leute die er kannte damals kontaktiert. Wir wollten sie bitten, öffentliche Statements zu machen und Michael so zu unterstützen. Aber die meisten interessierten sich nicht dafür.“

Zum Beispiel?

„Nun ja, Chris Tucker war auf einmal nicht mehr erreichbar, nie da. Und [eine Freundin], die ich übrigens auch persönlich sehr mochte, war zwar bereit, ein Statement zu machen. Aber sie wollte Geld dafür.“

Auf Wunsch von Dieter Wiesner, erwähne ich den Namen der Freundin nicht. Wir haben ein wenig über sie und ihre Freundschaft zu Michael gesprochen und ich bekam den Eindruck, dass Wiesner sie zwar – wie auch Michael es tat – sehr mochte. Aber dass die Freundschaft von Michaels Seite aus stärker war.

„Michael war das mit dem Geld ja völlig schnuppe. Aber ich war schon persönlich enttäuscht.“


„Ganz einfach – er war ganz allein.“

Und so kamen wir zu einem weiteren traurigen Thema – Michaels letzte Jahre, finanzielle Probleme und, natürlich, This Is It.

Meine erste Frage – ihr könnt es euch denken – war: Hätte Michael die 50 Konzerte machen können?

„Können? Ja, gekonnt hätte er es. Aber er hätte es niemals gemacht. Auf keinen Fall.“

Diese Antwort überraschte mich ein wenig. Ob Kenny Ortega, Randy Philips oder sogar der Ex-Manager Frank DiLeo. Alle sagten in diversen Interviews, dass Michael nicht nur fit genug war, sondern auch aufgeregt! Dass er den Rekord von Prince brechen wollte und so weiter.

„DiLeo... Mit DiLeo hat Michael nicht mal wirklich gesprochen,“ erklärte Wiesner. „Er ist einfach aufgetaucht, als man sah, dass mit Michael wieder Geld verdient werden kann. Er hat ja auch diesen Vertrag da unterschrieben – dazu hätte er keine Befugnis gehabt.“ Er spricht von einem Vertrag darüber, dass Michael mit seinen Brüdern ein Konzert geben sollte. DiLeo hatte den Vertrag als Michaels Manager unterschrieben, obwohl er nicht Michaels Manager war und keine Befugnis dazu hatte. Als der Konzertveranstalter Michael und DiLeo verklagte, scheiterte die Klage.
„[Der Konzertveranstalter] hätte Michael gar nicht verklagen dürfen, weil er damit überhaupt nichts zu tun hatte. Aber die haben halt versucht, etwas mehr raus zu schlagen, indem sie ihn mit verklagen.“

Dann sind die Geschichten darüber, dass DiLeo und Michael sich versöhnt hatten und Michael ihn wieder eingestellt hatte nicht wahr?
„Nein,“ war die Antwort.

Und was ist mit der Geschichte, dass John Branca und Michael sich Wochen vor Michaels Tod wieder versöhnt hatten und zusammenarbeiten wollten?
Auch hier war die Antwort klar: „Nein.“

Ich bekam den Eindruck, dass sowohl DiLeo als auch Branca lediglich versuchten, Michael zu umwerben. Es war wieder Geld zu machen und man wollte wieder mit ihm befreundet sein.

Wie ist es denn mit dieser Geschichte, dass Michael einigen Fans gesagt haben soll, dass er diese 50 Konzerte nie machen wollte. Vor allem das Zitat: „Ich ging gestern zu Bett mit 10 Konzerten und heute wachte ich auf und es waren 50.“ War das wirklich wahr?

„Ob er das zu den Fans gesagt hat, kann ich nicht sagen. Ich war nicht dabei. Aber es trifft auf jeden Fall, wie Michael darüber fühlte. Er wurde reingelegt und ausgenutzt. Und am Ende haben sie ihn ja sogar von den Fans abgeschirmt. Und das war total untypisch für Michael. Früher, als ich mit ihm arbeitete, hätte keiner von uns sich gewagt, ihm vorschreiben zu wollen, ob er Fans besuchen und grüßen kann oder nicht. Er nahm sich immer die Zeit. Egal wo, egal wann. Die Fans waren ihm immer das wichtigste.“

Warum, fragte ich, ließ er sich denn dann jetzt so abschirmen?

„Ganz einfach – er war ganz allein. Es gab kaum jemanden um ihn herum, der nicht für AEG arbeitete oder für die Firma, der Neverland gehört. Egal wer du bist – unter so einem Druck und in dieser Einsamkeit hältst du es nicht lange aus. Sogar zwei seiner Bodyguards waren von der Nation [of Islam]. Es hatte ja einen riesigen Kampf von Michael gebraucht, dass sie wenigstens nicht mehr in seinem Haus schlafen durften, sondern in einem Wohnwagen draußen auf dem Grundstück.“

Ich weiß nicht, ob Dieter Wiesner hier von Bodyguards auf Neverland spricht oder von Bodyguards, die am Ende für Michael arbeiteten.

Diese Antworteten schockierten mich. Wir haben ja alle diese Geschichten gehört und von „This Is Not It“ und so weiter. Aber das jetzt so zu hören. Das war schon eine ganz andere Geschichte.

„Diese Zeit,“ erzählt Dieter von den Tagen als Michael in Las Vegas wohnte, kurz vor dem Umzug nach Los Angeles, „war sehr hart für ihn. Als er in Vegas ausgezogen ist, musste er seine eigenen Koffer packen. Es war einfach keiner da.
Und dann war da ja noch die Sache mit der Firma, die Neverland gekauft hat. Die haben ihm ja diesen Tohme reingeschickt und [Michael] hatte keine Ahnung, dass [Tohme] für die Firma arbeitet. Er hat Michael – na ja, ich sage mal beraten, die Ranch an diese Firma zu verkaufen, um sie vor der Zwangsversteigerung zu bewahren.
Ja und als das passiert war, kam dann die Verbindung zum Philips [von AEG Live] zustande und die haben ihm im Grunde gesagt: mach die Konzerte oder die Ranch ist weg.“


Ich war schockiert. Dieter Wiesner war für mich die erste ernstzunehmende Quelle für diese Aussage. Ich habe das ja schon in diversen Artikeln gelesen – aber nie geglaubt. Einen Moment lang konnte ich darauf nichts antworten.
Dann fragte ich, wie Michael darüber dachte – wie er das handhaben wollte.

„Michael war sauer. Er wollte sich mit diesen 10 Konzerten verabschieden – er hat es ja auch so gesagt. Aber die [AEG Live] haben das einfach als Comeback verkauft. Das war es nicht für Michael, es war sein Abschied, was die Musik angeht.
Er hätte höchstens die 10 ersten Konzerte gegeben und das war's. Das ganze war ja versichert. Er hat ja nie 50 Konzerten zugestimmt, also hätte er auch nur die Konzerte gegeben, die es ursprünglich waren.“


Also war es wirklich so, dass This Is It für Michael ein Zwang war? Er wollte überhaupt nicht mehr auftreten?

„Als er dann zusagte, wollte er es richtig machen. Und er wollte wirklich seinen Kindern zeigen, wie es ist, wenn er ein Konzert gibt. Wie die Leute reagieren und so. Und er wollte sich von den Fans verabschieden. Aber das war ja noch nicht alles.“

War Michael wenigstens mit der Ausführung und den Proben zufrieden?

„Überhaupt nicht. Die Show war überhaupt noch nicht soweit wie sie hätte sein sollen. Die hätten nie und nimmer pünktlich anfangen können. Wie gesagt, die Show war nicht fertig. Die Kostüme waren nicht fertig. Nicht mal die Merchandising Verträge waren unterschrieben! Und Michael hatte organisatorisch nicht die Kontrolle, die er gewohnt war.“

Er hatte nicht mehr freie Hand wie früher?

„Nein und das hat ihn unheimlich frustriert.“

Kann es sein, dass ihn das irgendwie zu den Medikamenten geleitet hat? Dass es irgendwie eine Sucht mit ausgelöst hat?

„Die Fans müssen eins verstehen. Michael war nicht medikamentenabhängig. Klar, da war die Zeit als er Schmerzmittel nahm in den Neunzigern und während des Prozesses musste er auch Medikamente nehmen, um Schmerzen zu lindern. Aber das waren Schmerzmittel. Dieser Arzt hat ihm ein Beteubungsmittel verabreicht. Das ist jawohl eine ganz, ganz andere Geschichte!“

Die Berichterstattung protraitiert Michael so klar und deutlich als medikamentenabhängig, dass viele Fans das als Tatsache aufgenommen haben. Ist das falsch?

„Auf jeden Fall. Michael war nicht medikamentenabhängig. Klar die Fans hören das und hören nichts anderes. Sie nehmen es auf und sie verzeihen es ihm, weil sie ihn lieben. Aber da gibt es nichts zu verzeihen – denn so war er nicht!
Sie müssen wissen, es gibt einfach einige Ärzte – ich habe da einige Namen schon im Kopf – die kommen zu dir und sagen: Oh, du fühlst dich nicht gut? Ich hab hier was, da geht’s dir besser. Ist keine große Sache. Du kannst nicht schlafen? Hier, da habe ich auch was. Da kannst du ruhig schlafen. Schlaf ist wichtig!“


War Michael nicht stark genug, dem Stand zu halten?

„Man darf nicht vergessen, was dieser Mann alles hinter sich hatte. Er war so sensibel, so verletzlich und so stolz. Und er wurde vor der ganzen Welt erniedrigt und fertiggemacht. Und am Ende war er dann ganz allein. Niemand war da, der ihm hätte zur Seite stehen können. Da verfällt der beste von uns so einer Sache.“

„Es wäre Michael wirklich nicht recht, wenn diese Lügen das letzte Wort wären.“

Wie fühlen Sie heute über Michaels Tod?

„Wissen Sie, ich habe es noch immer nicht ganz aufgenommen. Man kann so etwas nicht wirklich begreifen. Dieser großartige Mensch, in dem so viel Liebe war. Dass er nicht mehr da ist...“

Dieter Wiesner macht eine kurze Pause.

„Ich schaue mir immer wieder Aufnahmen von ihm an – oder ich höre mir auch die Nachrichten an, die er mir über die Jahre so hinterlassen hat. Und ich werde einfach wütend, dass dieser Mensch so fertiggemacht wurde. Er wurde von A bis Z ausgenutzt und fertiggemacht. Das ist einfach unbegreiflich.“

Was würde Michael zu der jetzigen Situation sagen? This Is It, die Kinder, die Familie?

„Wenn Michael gewusst hätte, dass er zu dem Zeitpunkt sterben würde, hätte er die Sache mit dem Sorgerecht anders geregelt. Es ist auf jeden Fall sehr in seinem Sinne, dass er jetzt scheinbar doch als Musiker, als Entertainer in die Geschichte eingeht und nicht mit den Skandalen. This Is It hätte er so nie zugelassen. Da wäre Michael absolut dagegen gewesen.“

Wird es ein Buch von Dieter Wiesner geben?

„Was ich mir mehr als alles andere wünsche ist, Michael das letzte Wort zu geben. Ich habe so viele Bänder von unseren Gesprächen und so weiter. Ich könnte alles was ich sage belegen und ich würde gerne so manches in seinem Namen und mit seinen Worten richtig stellen. Denn es fliegen da draußen Sachen rum, die einfach nicht wahr sind. Und es wäre Michael wirklich nicht recht, wenn diese Lügen das letzte Wort wären.“

Gibt es schon konkrete Pläne?

„Ich weiß es noch nicht. Um ehrlich zu sein, je länger ich darüber nachdenke, desto mehr spüre ich den Drang das zu machen. Ich meine, ich kann Namen nennen. Ich könnte diverse Dinge offenlegen und Namen nennen, einfach die Wahrheit sagen. Und ich weiß, dass das in Michaels Sinne wäre.“

Ich schaute zu diesem Zeitpunkt auf die Uhr und sah, dass wir über 3 Stunden zusammen geredet haben. Es war eigentlich nur eine geplant. Ups! Aber Dieter Wiesner erweckte den Anschein, als hätte er die Zeit auch nicht im Auge gehabt. Seine Telefone haben zwar immer wieder geklingelt und er musste den einen oder anderen vertrösten – aber es gab keine Hektik.

Widerwillig beendete ich das Gespräch und fing an, mich zu verabschieden. Herr Wiesner stand auf und zeigte mir noch einige Dinge. Wie zum Beispiel das riesige Foto-Buch „Afrika“ von Leni Riefenstahl. Und bevor es jetzt einen Aufschrei gibt – Dieters Vater war Jude. Es war ein Geschenk an Michael von den Magiern Siegfried und Roy. Das Buch ist wirklich sehr, sehr groß und streng limitiert. Michaels Ausgabe ist die Nummer acht. Und die Fotos sind wirklich atemberaubend.

Ein anderes Buch, das er mir zeigte ist: „Michael Jackson – King Of Pop – The Legend“ Ein nicht gerade bescheidener Titel!

„Das war Michaels Idee. Er hat das Cover und den Titel genau so entworfen.“

Das Buch ist ein Prototyp und der gravierte Effekt des Covers kommt nicht so richtig gut rüber. Als ich fragte, was für ein Buch das sein sollte, sagte er:

„Michael wollte ein Buch über sein Leben schreiben. Und da sollten einige super tolle Fotos rein, die keiner kennt. Von seiner Kindheit, bis zum heutigen Tage. Und, das war ihm ganz wichtig, er wollte alles beleuchten, was ihm so passiert ist. Wie er sagte: the good stuff and the bad stuff [die guten und die schlechten Dinge].“

Und das bestätigte auch meinen Eindruck, den ich immer von Michael hatte. So still wie er über seine karitativen Tätigkeiten war – niemand hat so viel Geld gespendet wie er – so selbstbewusst war er auch, was seine Errungenschaften in der Musikindustrie anging. Und zurecht. Denn, welch höheren Preis kann man für den Erfolg zahlen, als die eigene Kindheit, die eigene Freiheit, die Privatsphäre – und, am Ende leider auch das eigene Leben?

Michael, we miss you...