Dieter Wiesner 2

Michael hatte kurz vor dem Prozess vor, seine Musikkarriere langsam aber sicher zu beenden. Am liebsten hätte er, so bekam ich den Eindruck, nach der HIStory Welt-Tournee schon aufgehört und sich auf Filme konzentriert.
Er hätte sicher nie aufgehört, Musik zu machen, bestätigte auch Dieter Wiesner. „Er hätte immer wieder mal Konzerte gegeben. An den Pyramiden zum Beispiel. Das wollte er immer mal machen. Aber immer nur einzelne Konzerte und immer etwas großes, nie dagewesenes. Nur touren wollte er absolut nicht mehr. Das war einfach zu viel für ihn. So sehr er die Bühne liebte, so wenig liebte er das Touren."
Kurz nach der Jahrtausendwende begannen Michael und Dieter, gemeinsam eine neue Idee zu verwirklichen. MJ-Universe. Es sollte eine riesige Unterhaltungsplattform werden, die wiederum aus vielen kleineren Firmen bestehen würde. „Die Firmen hatten wir sogar alle schon gegründet,“ sagte Wiesner. Dann holte er aus einem Schrank eine Art Business Plan heraus, auf dem die diversen Divisionen und Firmen dargestellt waren, mit „MJ Universe“ als Zentrum von allem.
„Wir hatten alles fertig. Ich fand in Kanada eine Animationsfirma [Cinegroupe], wo er einsteigen wollte. Die Verträge wurden auf Neverland unterschrieben.“

Animiert erzählt mir Dieter davon, wie intelligent und visionär Michael war. Er erzählt mir von einem Projekt, das Michael plante Namens „Pinocchio 3000“ und davon, wie Michael die Industrie genau beobachtete.
Und dann passierte etwas, womit ich nie gerechnet hätte. „Hier, ich zeige ihnen mal, was ich meine.“ Mit diesen Worten drehte sich Dieter Wiesner zu seinem Mac um und klickte ein wenig herum.

Ich hörte ein Knacksen in den Lautsprechern, die im Büro verteilt waren und plötzlich ertönte Michaels Stimme.
Da ich keine Möglichkeit hatte, es aufzunehmen, kann ich es nur grob aus dem Gedächtnis wiedergeben.
„Hallo Dieter, hier ist Michael,“ höre ich ihn klar und deutlich sagen. „Ich gucke mir jetzt schon eine Weile die Marvel Aktien an. Die sind stark gesunken und es wäre jetzt ein wirklich toller Zeitpunkt zum Kaufen. Ich habe gehört, die Dreharbeiten für Hulk sind gerade beendet. Und es wird auch noch ein paar Spiderman Filme geben. Ich will da unbedingt einen Fuß reinkriegen, bevor alle anderen Wind davon bekommen. Das ist jetzt genau die richtige Zeit. Die Superhelden Filme werden in der nächsten Zeit richtig groß, das nächste große Ding!“

Er klingt voller Tatendrang und aufgeregt. Man hört, wie sehr er willens ist, diesen Teil seines Lebens endlich zu beginnen. Es bricht mir das Herz – auch jetzt noch, wenn ich nur daran denke. Wie lebendig, intelligent und glücklich er klang...

Es ist interessant zu sehen, dass Michael mit seiner Prognose goldrichtig lag. Die Superhelden erfreuen sich seit 2002/2003 bester Beliebtheit.

Ich habe mich nach diesem Gespräch mit Michel Lemire in Verbindung gesetzt – er ist der stellvertretende Geschäftsführer von Cine-Group. In einer E-Mail bestätigte er mir, dass er und der Geschäftsführer auf Neverland waren und mit Michael verhandelt haben. Auch die Vertragsunterzeichnung hat er bestätigt. „Ich habe mich mit Michael in Montreal getroffen und Zeit mit ihm verbracht. Unser Geschäftsführer Jacques Pettigrew flog nach Kalifornien, wo er Zeit mit Michael und seiner Familie verbrachte. Michael wollte vor allem 3D Projekte mit uns verwirklichen. Hollywood hatte für ihn seinen Glamour verloren und er wollte lieber mit Leuten arbeiten, denen Qualität und nicht nur der Dollar wichtig war.“
Er fügte hinzu: „Dann kamen ja die neuen (und letzten) Anschuldigungen gegen Michael auf. Die Projekte waren im Bereich Familienunterhaltung und das Klima hatte sich da verständlicherweise geändert. Danach verließ Michael ja bekanntermaßen die Ranch und war eine Zeit lang in [Bahrain]. Und dann gab es ja auch noch die finanziellen Probleme.
Wir haben Zeit mit Michael verbracht und ihn kennengelernt. Wir können in den ganzen Beschuldigungen keinerlei Wahrheit erkennen. Er war ein Künstler, der von vielen missverstanden wurde. Und wir man im Nachhinein sehen kann, wurde er wohl von ebenso vielen ausgenutzt.“

„Michael hoffte bis zum Schluss, dass es anders kommt.“

Ein Thema, über welches ich mit Dieter besonders lange sprach, war Martin Bashir. Es war deutlich zu sehen, dass es etwas war, das seine Spuren hinterlassen hat.
Zurückblickend ist das wohl die Zeit, in der Michael begann, den falschen Leuten zu vertrauen. Was es aber auf jeden Fall war, war die Zeit, in der Michaels viel zu frühzeitiger Tod in Stein gemeißelt wurde. Dieter Wiesner sagte während unseres Gesprächs mehrfach, dass Bashir und seine Sendung Michael am Ende umgebracht haben.
All die Dinge, die seitdem passiert sind, hätten nicht passieren können, wenn Michael nicht so viel hätte leiden müssen.

Die Tatsache, dass Bashir dieses vorher nie dagewesene Ausmaß an Zugang zu Michael hatte, wirft Fragen auf. Warum war das so? Wie konnte Bashir diesen unglaublichen Vertrauensvorschuss bekommen?
Die Antwort: Uri Geller.

Geller hatte, wie die meisten Fans wohl wissen, Michael vorgeschlagen, diese Sendung mit Bashir zu machen. Er lobte Bashir in den höchsten Tönen. Sowohl Michael als auch Dieter Wiesner hatten von diesem Mann nie zuvor gehört und kannten ihn nicht.
Erst später würden die Puzzle-Teile erscheinen, die dieses Unheil vielleicht hätten abwenden können.
„Es ist Wahnsinn, wenn man sich vorstellt, dass Geller diesen Mann Michael so ans Herz gelegt hat.“ Wiesner erinnert mich an Prinzessin Diana und die Tatsache, dass Bashir damals in die Enthüllung mit „dem Rittmeister“ verwickelt war.

Und etwas, das ich nicht verstehen kann im nachhinein ist: wie kam diese Verbindung überhaupt zustande? Wie kam Uri Geller darauf, Martin Bashir zu empfehlen, ja nahezu Michael aufzudrengen? Kannten sie sich überhaupt?
Meinen Recherchen zufolge haben sie sich vorher nicht gekannt. Man hat fast den Eindruck, als hätte Bashir sich Uri Geller als Weg zu Michael gezielt ausgesucht. Es soll sogar Geld geflossen sein, wenn man einem damaligen Nachrichtenartikel Glauben schenken darf. Auch ist später rausgekommen, dass ein anderer britischer Journalist, Louis Theroux ein ähnliches Dokumentarformat mit Michael realisieren wollte. „Es gab mehrere Angebote von Journalisten, was das anging. Aber Michael hat sich da komplett auf das Urteil von Geller verlassen,“ so Wiesner.

Es war ja kein Geheimnis, dass Geller mit Michael befreundet war. Dafür hat Geller ja immer gesorgt. Dass jeder wusste, dass er mit Michael Jackson befreundet war.
Und Bashir war ja nicht der erste, den Geller an Michaels Seite gebracht hat. Es gab ja auch „den Rabbi“. Rabbi Shmuley Boteach.
Um die Freundschaft zwischen dem Rabbi und Michael gibt es viele offene Fragen.
Angefangen hat das ganze, als der Rabbi ein neues Buch herausgebracht hatte, das er promoten wollte. Und zwar mit einer öffentlichen Veranstaltung, in der er mit Michael über das Thema das Buches sprach.
Der Titel des Buches: Kosher Sex.
„Ich sagte zu ihm: 'Michael, du kannst das nicht machen. Das ist unangebracht. Du kannst dich doch jetzt nicht hinsetzen und mit diesem Typ über Sex diskutieren?'' Aber er hatte es [dem Rabbi] versprochen und niemand konnte ihn davon abhalten.“ Am Ende konnte Michael dann doch noch überzeugt werden, es nicht zu tun.
„Aber so war Michael. Er hat für seine Freunde alles getan, was er nur konnte. Aber das nahm dann alles irgendwann Ausmaße an, die unvertretbar waren und irgendwann machte Michael dann schluss.“

Es kursiert eine Geschichte darüber, wie es dazu kam, dass Michael und der Rabbi nicht mehr befreundet sind. Der Geschichte zufolge wurde Shmuley nicht nur mit der Führung von Heal The Kids sondern auch mit Heal The World betraut worden. Rechnungen sollen nicht bezahlt worden sein und Gelder sollen veruntreut worden sein, was Heal The World am Ende zum Scheitern verurteilte. Als Michael das bemerkt hat, soll er Shmuley sofort von allen posten gefeuert und jeden Kontakt zu ihm abgebrochen haben.
Die Geschichte wollte Dieter Wiesner für diesen Artikel nicht bestätigen. Was angesichts der Brisanz der Anschuldigungen wohl auch kein Wunder ist.
Was Wiesner bestätigte, war dass die Freundschaft von Michael beendet wurde. „So wie er es immer tat. Irgendwann war er dann nicht mehr zu erreichen und zwar für immer.“
Ich hakte hier nach, da ich davon auch schon gehört hatte. „Er nahm einfach keine Gespräche mehr von ihm an. Genauso wie es später mit Geller war.“
Shmuley hat ein Buch veröffentlicht, das auf Gesprächen zwischen Michael und ihm basieren soll. Er behauptet, die Freundschaft mit Michael beendet zu haben, weil Michael medikamentenabhängig gewesen sei.
Als ich Dieter Wiesner darauf anspreche, lacht er und sagt: „Das ist totaler Quatsch. Das ging einzig und allein von Michaels Seite aus.“ Und das mit den Medikamenten? „Absoluter Quatsch.“
Auch dass der Rabbi alle seine Gespräche mit Michael aufgezeichnet und für das Buch benutzt hat, bezweifelt Wiesner sehr.

Ebenso unwahr, so Wiesner, ist übrigens auch die Geschichte, dass Uri Geller Michael hypnotisiert und einer Befragung zum Thema Kindesmissbrauch unterzogen hat. „Niemals!“ ist Dieter Wiesners Antwort darauf.

Während der Dreharbeiten zu „Living With Michael Jackson“ wurde Wiesner misstrauisch. „Er war einfach total respektlos,“ so Wiesner. „Einmal erwischte ich ihn dabei, wie er durch Michaels Sachen wühlte. Und er hatte sogar einen Schlüssel zu Michaels Hotelzimmer. Ich meine, ich hatte natürlich auch einen. Ich musste ja Dinge für ihn vorbereiten und so weiter. Aber ich ging da nie rein, ohne zu klopfen und zu warten, bis Michael mich hereinbittet.
Bashir machte einfach auf und kam rein.“
Auch hat er Bashir dabei gesehen, wie er Michaels Kinder ohne Michaels Gegenwart oder Einverständnis filmte.

Aber auch hier war Michael bis zum Schluss nicht davon abzubringen, Bashir zu vertrauen. „Er glaubte bis zum Schluss, dass er den Final Say haben würde,“ sagte Wiesner. Final Say bedeutet, dass er die Sendung und ihre Inhalte alle absegnen muss.
„Wir waren gerade im Flugzeug unterwegs, es war einige Tage vor der Ausstrahlung. Ich bekam einen Anruf und wir wurden schon vorgewarnt, wie die Sendung aussehen würden. Michael hoffte bis zum Schluss, dass es anders kommt.“


Nach der Ausstrahlung war Michael am Boden zerstört. „Michael war ein sehr stolzer Mensch. Dazustehen und zu sehen wie dieser stolze Mann auf dem Bett sitzt und weint wie ein Kind... Das war unheimlich schwer.“
Verständlicherweise hegt Dieter Wiesner bis heute eine starke Antipathie gegen Martin Bashir.

„Und jetzt, direkt nach seinem Tod geht N24 einfach her und zeigt diesen Mist schon wieder!“ regt er sich auf. „Das gibt’s doch nicht! Und den zweiten Teil, den wir gemacht haben, um Bashirs Aussagen zu korrigieren, zeigen sie natürlich nicht.“

„Was tun wir hier eigentlich?“

Als nach Michaels Verhaftung auf einmal die Nation of Islam auftauchte, änderten sich viele Dinge schlagartig, so Wiesner.
„Als der Chef von denen eines Abens zu Michael kam, haben die sich Stunden lang allein unterhalten. Und direkt danach wirkte Michael sehr verändert auf mich.“
Dieter bemerkte immer mehr Veränderungen in Michaels Umfeld die Situation wurde immer schwieriger.
Nicht zuletzt, weil er und 3 andere als „nicht angeklagte Co-Verschwörer“ in Michaels Prozess mitbeschuldigt wurden. „Der Staatsanwalt wollte uns damit unter Druck setzen und dazu bringen, gegen Michael auszusagen. Aber ich habe ihm gesagt: ich kann gerne aussagen, aber das wird für Michael sein und nicht gegen ihn.“ Ähnlich müssen sich die anderen geäußert haben, denn am Ende sagte keiner von ihnen für die Anklage aus. „Und da musste er dann die Janet [Arvizo] bringen. Das war dann das Ende vom Fall, denn er hatte absolut nichts gegen Michael in der Hand.“

Ich sprach Dieter Wiesner darauf an, dass er in der frühen Phase des Prozesses gegen Michael nach Deutschland zurückgeflogen ist. Lag es an dem Druck, den der Staatsanwalt auf ihn ausübte?
„Nein, ganz und gar nicht. Es gab ja nichts, womit er mich hätte unter Druck setzen können. Nein, es lag hauptsächlich an der Situation mit der Nation [of Islam].“ Außerdem hatte Thomas Messereau die Strategie der Verteidigung stark geändert. Er fokussierte sich stark auf die „unindicted co-conspiritors“ - also auf die nicht-angeklagten Mitbeschuldigten, um der Gefahr entgegenzuwirken, dass einer oder mehrere von ihnen doch noch für die Anklage aussagen.
Dieter Wiesner sagte, dass er das verstehen konnte. Die Hauptsache war, dass Michael aus dieser Sache rauskommen würde, weil er unschuldig war.
„Die Situation war einfach nicht mehr haltbar und da bin ich zurück nach Deutschland,“ sagte er mir. Einige Zeit später bekam Wiesner einen Anruf von einem Nation Of Islam, aus dem handfester Streit entstand. Dann war auf einmal Michael am Telefon und fragte: „Dieter, wo bist du?“
Worauf Dieter antwortete: „Ich bin wieder in Deutschland.“ Michael bat ihn, möglichst schnell wieder zurück zu kommen. Also setzte Dieter Wiesner sich ins Flugzeug und flog nach Kalifornien. Als die Mitarbeiter der Nation of Islam davon Wind bekamen, fingen sie an, Michael von Ort zu Ort zu kutschieren, mit allen möglichen Ausreden.
Irgendwann wurde das Versteckspiel zu viel für Wiesner und er flog wieder zurück nach Deutschland.

Zeit verging und die ganzen Pläne und halb-angefangenen Projekte saßen tatenlos „auf der Bank.“ Sowohl Michael als auch Dieter hatten in diese Dinge Geld investiert und nun stand alles still und niemand wusste, ob oder wann sie je wieder aufgegriffen werden würden.
Immer lauter wurden die Rufe von Wiesners Anwälten, dass der einzige Weg eine Klage war. „Ich muss sagen, das war unglaublich schwer,“ sagte mir Dieter Wiesner. „Er war mein Freund – nicht irgendein Fremder. Wie verklagt man denn einen Freund? Und nicht nur das. Er hat mir ja damals diese Power Of Attorney gegeben. Ich werde nie vergessen, wie er da mit 5 Anwälten ankam und mir das Dokument in die Hand drückte mit den Worten, das er mir vollkommen vertraut.“
Schließlich fiel die Entscheidung dennoch – Michael wurde verklagt.
„Es war ja eigentlich eine lächerliche Nummer. Erst klagten wir auf 40 Millionen, dann klagte Michael zurück auf 100 Millionen oder was das war. Völlig irrsinnige Beträge!“
Aber am Ende kam es dann doch anders.
„Wir kamen zur Anhörung und meine Anwälte waren voll auf Konfrontationskurs. Sie waren sich absolut sicher, dass es zu einem Prozess kommt. Aber ich sagte immer wieder: 'Ne, ne, Leute. Wartet es nur ab. Dazu kommt es nicht.' Bis zum Schluss haben sie's mir nicht geglaubt. Bis ich dann durch Zufall auf Michael traf – wir waren alleine in einem Raum. Wir sahen uns an und Michaels erste Worte waren: 'What are we doing here?' [Was tun wir hier eigentlich?] Ich antwortete: 'Michael, you were just gone!' [Michael, du warst einfach verschwunden!] Und er sagte dann: 'I know Dieter, I know'. [Ich weiß Dieter, ich weiß.]“
Dann setzten sie sich hin und klärten die Lage in einem langen Gespräch. „Ohne Anwälte, ohne alles,“ so Wiesner. „Auch wenn die Anwälte nicht gerade glücklich darüber waren,“ fügte er mit einem Lächeln hinzu.

Trotz der Freundschaft, die neu erblüht war und bis zu Michaels Tod andauerte, haben die beiden nicht mehr zusammengearbeitet. „Er war ja total fertig nach dem Prozess,“ begründet Wiesner seine Entscheidung, Michael nach dem Prozess nicht auf eine Zusammenarbeit hin gedrängt zu haben. „Er musste sich erholen und das dauerte sehr lange. Man darf nicht vergessen, wie kaputt er war. Körperlich, seelisch, mental – die Batterien waren einfach leer. Und ganz ehrlich – ich wollte mich nicht aufdrängen. Es wäre nicht korrekt gewesen. Er brauchte seine Zeit für sich.“

Morgen geht es weiter mit dem letzten Teil. Er beginnt mit:

„Michaels Kraft und Trost kam von den Fans“