Dieter Wiesner

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Das Gespräch führte Been Told, Administrator von JacksonVillage!

 

 

Ich hatte vor Michaels Ableben im Juni letzten Jahres schon einmal die Gelegenheit, mit Dieter Wiesner ein langes, interessantes Gespräch zu führen. Es hatte sich ergeben, weil wir einige Fragen bezüglich Michaels Merchandising Situation hatten.

Vor ein paar Wochen kam mir dann der Gedanke, dass es sicher interessant wäre, das Gespräch fortzusetzen. Dieter Wiesner kam beim Telefonat sehr sympathisch rüber und es hatte Spaß gemacht, mit ihm zu plaudern.
Also setzten wir uns mit seinem Büro in Verbindung. Auch dieses Mal war man sehr zuvorkommend und freundlich. Der Sekretär von Herrn Wiesner sprach meinen Terminvorschlag mit seinem Chef ab und bestätigte ihn. Er ist übrigens auch ein sehr netter Zeitgenosse!

So kam es also, das, ich mich am 13. Juli um 16 Uhr vor Dieter Wiesners Büro befand. Na ja - 16:09 Uhr. Ganz ohne Verspätungen geht es nicht, wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln reist.
Ich klingelte an der Eingangstür zum mehrstöckigen Bürogebäude und Dieter Wiesner öffnete selbst die Tür und begrüßte mich mit einem Handschlag und einem freundlichen Lächeln. Er führte mich direkt in sein Büro. Ich hatte mich natürlich etwas vorbereitet, bevor ich losfuhr. Deshalb wusste ich bereits, dass mich ein Raum voller Michael Jackson Bilder erwartete - und ich wurde nicht enttäuscht.
An jeder Wand hängen eingerahmte Poster und Bilder von Michael. Viele mit persönlichen Widmungen.

Herr Wiesner bot mir einen Sessel an seinem großen Schreibtisch an und gab mir etwas zu trinken.
Hinter ihm sah ich einen digitalen Bilderrahmen, auf dem sich ein Bild mit ihm und Michael nach dem anderen abwechselt. Nur eines der Fotos sticht heraus. Auch ein Michael, aber ein anderer, der da in die Kamera guckt. Mike Tyson.

Ich muss ehrlich zugeben, ich war ein wenig nervös. Ich bin kein großer Celebrity-Fan und habe in meiner Zeit in Großbritannien auch schon die eine oder andere bekannte Person getroffen. Aber das hier war etwas anderes.
Der Mann, der mir gegenüber saß, war Jahre lang Michaels Freund und Manager.

Die Zeit, in der Wiesner für Michael Jackson arbeitete, war eine sehr produktive, in der Michael viel arbeitete und große Pläne schmiedete. Als Dieter ihm zum Beispiel seinen neuen Schützling Nisha Kataria vorstellte, war er sofort begeistert von ihr. Sie und ihre Mutter wurden auf Neverland eingeladen und wohnten bis Michaels Festnahme dort.
Ein Duett war anfangs wohl nicht geplant, aber ganz spontan kam es dann doch dazu. Zu diesem Zeitpunkt wohnte neben Nisha und ihrer Mutter auch Dieter Wiesner auf Neverland.
"Eines Abends - es war spät - rief Michael mich an und sagte: Hol Nisha, wir gehen ins Studio."
Was genau Michael dazu bewogen hatte, wusste wohl nur er selbst. Aber am Ende kam dabei ein wunderschönes Lied heraus.

Die Frage liegt nahe, warum es nicht veröffentlicht wurde. Neben der offensichtlichen Tatsache, dass der Prozess dazwischen kam, hat Wiesner auch nach Michaels Tod bewusst nicht auf ein Release des Songs gedrängt.
"Es war eine sehr persönliche Sache für die beiden," sagte Dieter. "Und wenn wir das jetzt veröffentlichen würden, könnte es sein, dass es in den selben Topf geworfen wird, wie all die anderen Projekte die sich jetzt mit Hilfe von Michaels Namen verkaufen."

„Es gab keine Beziehung“

War das ein kleiner Seitenhieb an die Familie?
Immerhin sind einige von Michaels Geschwistern und beide seiner Eltern mit Projekten unterwegs, die mit Michael zu tun haben. Und die so, vor seinem Ableben, nie hätten stattfinden können.

Aber nein - das war es nicht. Er steht in Kontakt mit der Familie - auch wenn ich nicht den Eindruck hatte, dass man von einer Freundschaft sprechen kann. Als LaToya kürzlich mal wieder in Deutschland war, war Wiesner dabei. Von ihrem - schrägen - kichern und anderen Querelen scheint er aber ebenso wenig zu halten, wie viele Fans.
Zu ausdrücklich negativen Äußerungen gegenüber der Familie ließ sich Dieter allerdings nicht wirklich hinreißen. Trotz der Meinungsverschiedenheiten und der unterschiedlichen Ansichten - die ich hier zum Teil beleuchten werde - es ist ein Respekt da. Und vor allem für Katherine eine große Zuneigung.
Über sie hat er nichts als positive Dinge zu sagen. Er hat in seiner Zeit bei Michael oft miterlebt, wie Michael mit ihr telefonierte.

"Aber über Dinge die ihn wirklich beschäftigten, sprach er nicht mit ihr." Ein Eindruck, der bestätigte, was ich mir selbst dachte, als ich mir Katherines Buch "Never Can Say Goodbye" angesehen hatte.
"Er liebte sie wirklich über alles," so Wiesner, "aber er sprach nicht wirklich über tief-greifende Dinge mit ihr."

Was die plötzlichen neuen Geschäftsunternehmen von Katherine angeht, so sieht Wiesner das mit Besorgnis. "Sie ist eine so liebevolle Frau, eine ganz normale Frau. Sie geht im Supermarkt einkaufen und ist sehr bodenständig. Sie hatte nie mit irgendwelchen Geschäften der Familie zu tun." Die Frage, ob diese plötzlichen neuen Geschäftswege sie wohl überforderten in Anbetracht aller anderen Umstände, bejahte er. "Sie ist eine religiöse und für dieses Metier etwas zu naive Frau."

Was Michael und seine Beziehung zu Joe angeht, so ist das ein Thema, das immer noch sehr viele Fans beschäftigt. Wie war ihr Verhältnis? Hatte Michael Angst vor ihm? Hatten sie sich versöhnt? Wie war die Beziehung?
„Es gab keine Beziehung,“ antwortete Dieter Wiesner auf diese Frage. Michael liebte und respektierte seine Eltern. So wurde er erzogen. Es ist ein wichtiger Teil seiner Religion gewesen, seine Eltern und Geschwister zu lieben und, sofern möglich, für sie zu sorgen. „Er hat öfter Dinge wie kleine Interviews gemacht, nur um das Geld seiner Familie zukommen zu lassen. Er hat immer dafür gesorgt, dass es seinen Eltern gut geht. So war er einfach.“
Das Verhältnis zu Joe war, so Wiesner, eine komplizierte Sache. Einerseits liebte Michael ihn – er war immerhin sein Vater. Andererseits fehlte jegliche Basis für eine Vater-Sohn Beziehung. Die Zuneigung, die Michael in seiner Kindheit vermisste, machte ein gutes Verhältnis nahezu unmöglich.
„Er liebte und akzeptierte seinen Vater. Aber es gab keine Beziehung zwischen den beiden.“

Wiesner selbst ist des öfteren in Kontakt mit Joe und er war es auch, der es Markus Lanz ermöglichte, ein Interview mit Joe Jackson zu bekommen und auf der Neverland Ranch zu drehen. Auch wenn es für die Dokumentation etwas anders aufbereitet wurde.
„Der Lanz sagte nur immer wieder, wie falsch er die Ranch eingeschätzt hat. Er sagte: Ich muss meine Meinung über diese ganze Sache komplett umkrempeln.“

Auch beim Interview mit Joe war er dabei.

„Joe hat mir leid getan.“

Ich bekam den Eindruck im Gespräch, dass Joe nicht wirklich bewusst war, was Michael gefehlt hat in seiner Kindheit. Dass er zwar nicht dachte, wirklich irgendwas falsch gemacht zu haben, aber gemerkt haben muss, dass Michael das anders sah.

„Sie konnten sich einfach nicht einig werden“

Etwas, das mich sehr interessierte, war die Frage: Warum wurde Michael auf Forest Lawn beerdigt?

„Sie konnten sich einfach nicht einig werden. [Die Jacksons] konnten sich nicht an einen Tisch setzen und das klären. Irgendwann mussten die zuständigen Stellen einfach die Entscheidung treffen und die Entscheidung war Forest Lawn.“

Hätte Michael das gewollt, auf Forest Lawn beerdigt zu liegen?

„Nein. Ganz klar. Die Familie hat einfach keine Verbindung zu Michaels Fanbase. Sie verstehen scheinbar nicht wirklich, wie viel seine Fans ihm bedeutet haben.“

Hätte Michael, seiner Meinung nach, es lieber gehabt, dass er nach dem Tod auf Neverland ist?

Diese Frage zu beantworten, schien Dieter Wiesner nicht sehr einfach zu fallen.

„Zuerst muss ich sagen, dass der Tod bei Michael nie ein Thema war. Aber im Nachhinein muss ich sagen, bin ich mir absolut sicher. Wenn er gewusst hätte, dass er so früh stirbt, hätte er einiges anders geregelt. Die Kinder wären eher nicht zu Katherine gekommen. Und was Neverland angeht...“

Hätte er daraus gerne ein zweites Graceland machen lassen wollen?

„Einen Teil hätte er auf jeden Fall für die Öffentlichkeit geöffnet sehen wollen. Aber egal welches Arrangement es wäre, es wäre so, dass die Kinder zu 100% davon profitieren und sonst niemand.“

„Das Problem mit Neverland ist, dass die County dort ihr ganzes Geld darauf verschleudert hat, Michael zu verklagen und zu verfolgen. Die müssten jetzt die Infrastruktur komplett ändern. Breitere Straßen nach Neverland und so weiter. Aber dafür ist einfach kein Geld mehr da. Dabei haben die Nachbarn Michael immer sehr gemocht.“

„Michael war kein Spinner!“

„Das erste Mal, das ich auf Neverland war,“ erzählt Wiesner „das war ein wundervolles Erlebnis. Michael war sehr, sehr freundlich und so bodenständig! Einfach ein gastfreundlicher, netter Mann. Die kleine Paris wollte mir die Hand geben und Michael schaute uns beide an und sagte: We don't shake hands in this family, we hug!“ [In dieser Familie geben wir uns nicht die Hand, wir umarmen uns.]
„Das war Michael alles sehr wichtig. Er behandelte jeden mit unglaublich viel Respekt und Zuneigung. Er hat den Leuten wirklich zugehört und sie immer so begrüßt,“ Dieter legt die Hände vor seinem Gesicht zusammen und ahmt die Begrüßungsgeste einiger fernöstlicher Länder nach. „Er war sehr, sehr bescheiden. Er hat allen Angestellten immer höchsten Respekt gezeigt. Ob Security, Putzfrau oder Gärtner. Und das war umgekehrt genauso. Sie haben ihn sehr respektiert. Sie nannten ihn immer 'the boss' oder 'Mr. Jackson' wenn sie über ihn sprachen.“

Ein Anliegen, dass Dieter Wiesner sehr wichtig schien, war die Tatsache, dass Michael kein Spinner war.
„Er war kein wirklichkeitsfremder Träumer. Er hatte Ziele und das waren realistische Ziele für jemanden von seinem Status und Kaliber.
Klar, er war ungewöhnlich. Er hatte mich zum Beispiel immer auf Abruf. Wenn er anrief, war ich immer zur Stelle. Und wenn ich mal nicht erreichbar war, hatte auch ganz schnell mal einen ganzen Haufen Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Meistens von Michaels Personal. Mr. Jackson really needs to speak to you, please call him back at this number.“ [Mr. Jackson möchte dringend mit ihnen sprechen, bitte rufen sie ihn unter dieser Nummer zurück.]

„Oder als ich auf Neverland lebte und Michael um drei oder halb vier Nachts anrief und Ideen besprechen wollte. Wir redeten und es sprudelte einfach aus ihm raus. Dann, so gegen sieben merkte er, wie spät es war. Er sagte dann so was wie, Dieter, you must be really tired. Let's go to sleep. [Dieter, du musst müde sein. Gehen wir schlafen.] Und dann schlief er auch schon mal bis Mittags.
Aber so war es eben, es gehörte dazu. Er war ein Künstler. Aber Michael war kein Spinner! Er war sehr intelligent und hatte alles im Blick.“

Dieter Wiesner erzählt mir als Beispiel, wie es war, als er Michael 2002 nach Deutschland zur Bambi Verleihung holte. „Das bedeutete ihm unheimlich viel. Als er da seine Rede hielt, die wir am Abend vorher zusammen geschrieben hatten, war er total aufgeregt. Er kannte diese ganzen wichtigen Leute, die da in der ersten Reihe saßen. Und es bedeutete ihm unheimlich viel, diese Art der Anerkennung zu bekommen. Er kannte übrigens auch Angela Merkel – schon bevor sie Kanzlerin wurde. Er blieb einfach immer auf dem laufenden. Auch als wir dann später das Meeting mit Dr. Burda hatten. Er und Michael haben sich stundenlang unterhalten und Dr. Burda war von Michaels Wissen tief beeindruckt. Ob es um den Schwarzwald, Bayern oder die Politik ging. Michael war unheimlich belesen und konnte zu allen etwas sagen. Auch als wir ihn hier trafen,“ Wiesner hält ein Bild vom Dalai Lama hoch, „war es genauso. Sie haben stundenlang geredet. Jemand wie [der Dalai Lama] würde sich ja kaum in Stunden lange Gespräche vertiefen, mit jemandem der nur oberflächliches Zeug redet.“