Bob Sanger - Michael´s Anwalt

Michael Jacksons Anwalt Bob Sanger spricht mit West Coast Sound über den King of Pop, sein Leben und seine Lesegewohnheiten
von Randall Roberts, 25. Juni 2009

In Folge des Todes von Michael Jackson am heutigen Nachmittag kontaktierte West Coast Sound den langjährigen Anwalt des verstorbenen King of Pop, Bob Sanger.
Sanger vertrat Michael Jackson 16 Jahre lang und saß während des öffentlichen Prozesses von 2005, in welchem die Familie eines Jungen Jackson des sexuellen Missbrauchs von Kindern beschuldigte, mit ihm am Tisch der Verteidigung. Wir sprachen am späten Nachmittag mit Sanger.

Bob Sanger: Folgendes möchte ich sagen. Ich denke, es ist angemessen, zu diesem Zeitpunkt zu Ehren von Michael zu sprechen.
Zunächst - er war er ein großartiger Musiker und Performer, und sein Einfluß auf die Musik wirkt sich bis heute aus. Ich sah heute etwas im Fernsehen, ich weiß nicht mehr, wer es war, aber ich sah einen aktuellen Star in einem Musikvideo, und ich dachte: ‚Das ist Michael Jackson’. Man kann einfach sehen, woher das alles kommt; das alles, was noch garnicht existierte, bevor er damit begann. Der Beat und die Musik und alles andere. Das ist ein Einfluß, den er für immer haben wird, oder doch für eine sehr lange Zeit.
Ich denke, was die Leute nicht an Michael Jackson wahrnehmen, ist er als ein menschliches Wesen. Das, was ich zu sehen bekam - was ich die Ehre hatte, zu sehen - denn eine Menge Menschen waren um ihn herum.
Wenn man ihn vertritt, was ich ja tat, bedauerlicherweise – bedauerlich für ihn, daß wir dies tun mußten; aber man kommt dabei einem Menschen wirklich sehr nah, und ich saß in dieser Strafsache vier Monate lang neben ihm - es dauerte volle vier Monate, und er war an jedem einzelnen Tag dort.
Aber was ich in all den Jahren, in denen ich ihn vertrat, bemerkt habe - vor allem in diesem letzten Prozeß - ist, daß er ein sehr netter Mensch ist. Wirklich aus seinem Herzen heraus. Und seine ganze Familie ist so. Seine Mutter Katherine und seine Schwestern LaToya und Janet - sie haben ihre eigene Persönlichkeit auf der Bühne und alles, aber sie sind die freundlichsten, liebenswertesten Menschen, die Sie jemals treffen können. Und seine Brüder sind sehr freundlich, sie tun für Sie, was sie nur können.
Ich erinnere mich an ein Familientreffen draußen auf der Ranch, in einem nett eingerichteten Raum, so schön wie alles andere dort. Und alle setzten sich hin und veranstalteten ein großes Treffen. Und Janet sagt: „Bob, Sie haben keinen Sitzplatz." Ich sagte ihr, das sei in Ordnung, ich könne stehen, und sie sagt: „Nein, nein, nein, Ich hole Ihnen einen Stuhl.“ Sie geht aus der Tür, und ich nehme an, sie geht, um jemanden zu beauftragen, mir einen Stuhl zu bringen. Doch sie kommt zurück mit diesem großen Ohrensessel, den sie - Janet Jackson - für mich in den Raum schiebt, damit ich mich setzen kann. Es war nicht Besonderes, nur etwas, das man von niemandem in der Familie erwarten würde, oder von ihr.
Sie waren sehr freundlich. Man kam auf die Ranch, oder irgendwo hin, wo wir uns bei anderen Gelegenheiten trafen, und man kam nicht wieder weg, ohne daß einem etwas zu essen oder zu trinken angeboten wurde. Und persönlich – und ich meine nicht, daß mit den Fingern geschnippt wird und jemand kommt, um es zu tun – waren sie sehr besorgt und sehr freundlich und großzügig. Und Michael war genauso. Er glaubte daran, eines der Dinge, die er im Leben neben Entertainment tun konnte, sei, daß er Kindern wirklich helfen könnte. Ich weiß, das wird umgehend sarkastische Reaktionen auslösen, doch es ist absolut wahr.
Bei mindestens zwei Gelegenheiten war ich dort auf seiner Ranch, wenn er nicht selbst da war, jedoch eine riesige Gruppe von Kindern eingeladen hatte. Einmal kam ein Haufen Kinder aus Krankenhäusern in LA - Kinderstationen - mit ihren Familien, und ein anderes Mal waren es benachteiligte Kinder mit ihren Familien, sie wurden mit Bussen hingebracht - er hatte einige Busse - und er brachte die Menschen hin und es war für sie, als seien sie in Disneyland. Sein Personal war da, und einmal hatte er über hundert Leute in seinem Mitarbeiterstab. Sie boten jedem Süßigkeiten und Getränke an, und, in den Spiele-Raum und ins Kino zu gehen. Und man sah diese Kinder, und es war einfach bemerkenswert, sie zu sehen und ihre großen, staunenden Augen, weil sie auf diese Weise behandelt wurden.
War der Anwalt in Ihnen jemals davon betroffen? Hier kommen Hunderte von Fremden in das Haus dieses Multimillionärs, und jeder von ihnen könnte Hintergedanken haben.
Nun, all das möchte ich nicht weiter vertiefen.
Nein, nein, das verstehe ich.
Na ja, wissen Sie was? Tja, der Anwalt in mir; ich sehe, was Klienten so tun und bin immer wieder erstaunt.
Doch ich muß Ihnen sagen: als wir sahen, was diese letzte Familie ihm antat, so völlig bizarr und verrückt, abwegig, manipulativ – die Bezirksstaatsanwaltschaft war so beschäftigt damit, es Michael Jackson heimzuzahlen, daß sie diese Leute einfach mit Scheuklappen betrachteten und die Tatsache ignorierten, daß sie bereits andere Menschen betrogen hatten - und so weiter. Aber wenn man diese Familie sah, mußte man sagen: 'Oh mein Gott, das wird ihn gefährden’ - natürlich war er verletzlich. Doch eine Familie wie diese, fähig, die Aufmerksamkeit eines Bezirksstaatsanwalts und der Strafverfolgungsbehörden auf sich zu ziehen, war einfach bemerkenswert. Und es zeigt nur, wie verletzlich Menschen sein können.
Ich habe natürlich in meiner beruflichen Laufbahn, meiner Vertretung von Menschen während der letzten 35 Jahre, viel gesehen, sicherlich gibt es Fälle - Menschen werden strafrechtlich verfolgt, weil sie schuldig sind, natürlich; aber Menschen werden auch strafrechtlich verfolgt, einfach weil der Staat es kann, und manchmal aus zweifelhaften Beweggründen. Ich möchte nicht über die Einzelheiten dieses Falles sprechen, doch es war einfach so offensichtlich, wie verletzlich er war.
Zu diesem Zeitpunkt gab es keine Gruppen mehr, weil der Prozeß begonnen hatte – ich habe zumindest keine gesehen, denn im Grunde war ich damit beschäftigt, sein Leben zu retten.
Doch zuvor, wenn ich diese Menschen kommen sah, die Großzügigkeit, die Güte und - das Personal war zu allen Zeiten angewiesen, wenn man nach Neverland oder in eines seiner anderen Häuser kam - das Personal war immer angewiesen, unbedingt freundlich zu jedermann zu sein. Diese Freundlichkeit zog sich wie ein roter Faden von oben nach unten. Und sie war keineswegs unterwürfig. Es war echte Freundlichkeit, und sie kam von oben. Michael war ein freundlicher Mensch, die ganze Familie war es. Und das sind die Dinge, die die Leute nicht sehen. Sie verstehen nicht, wie tief diese Auffassung von Freundlichkeit in seiner Familie ging.
Und die nächste Sache ist, daß Michael außergewöhnlich belesen war.
Das wußte ich nicht.
Wenige Menschen wissen das. Ich kannte Michael, doch während des Prozesses lernte ich ihn noch sehr viel besser kennen. Der Richter war dabei, die Jury auszuwählen, und es war Zeit für eine Pause. Richter Melville sagte: „Meine Damen und Herren, ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß die Aufgabe der Geschworenen sehr, sehr wichtig ist." Er versuchte, die Leute davon zu überzeugen, sich keine dummen Ausreden auszudenken, um aus dieser Aufgabe herauszukommen. Jeder Richter tut das. Er sagte: „Die Jury ist ein althergebrachtes System. Es besteht seit etwa 200 Jahren. Wir werden jetzt eine Pause machen und kommen in 15 Minuten wieder."
Wir standen auf, der Richter ging hinaus und Michael drehte sich zu mir um und sagte: „Bob, das Geschworenen-System ist sehr viel älter als 200 Jahre, nicht wahr?" Ich sagte: „Nun, ja, es geht zurück bis hin zu den Griechen." Er sagte: „Ja, Sokrates hatte ein Geschworenengericht, nicht wahr?" Ich sagte: „Richtig. Naja, Sie wissen, wie es für ihn ausging." Michael sagte: „Ja, er mußte den Schierlingsbecher trinken." Das ist nur eine kleine Anekdote. Wir sprachen über Psychologie, Freud und Jung, Hawthorne, Soziologie, die Geschichte der Schwarzen und Soziologie und deren Umgang mit Rassenfragen. Er war sehr belesen in den Klassikern der Psychologie und Geschichte und Literatur.

Bob Sanger & Thomas Mesereau
Bob Sanger & Thomas Mesereau

Das ist faszinierend.
Er liebte es, zu lesen. Er hatte mehr als 10.000 Bücher in seinem Haus. Und ich weiß das. Ich hasse es, mich auf den Prozeß zu beziehen, denn ich wollte diesen Prozeß nicht – man sollte ihn nicht über den Prozeß definieren.
Aber es ist eines der Dinge, die wir erfuhren – die Bezirksstaatsanwaltschaft durchsuchte seine gesamte Bibliothek und fand zum Beispiel ein deutsches Buch über Kunst von 1930 – solche Dinge. Und es stellte sich heraus, daß dieser Bursche, der Künstler, von dem das Buch handelte, von den Nazis verfolgt worden war. Niemand wußte das, und dann kommen die Cops und sagen: „Wir haben dieses Buch mit Bildern von nackten Menschen gefunden." Doch es war Kunst, mit einer Menge Text dabei. Es war Kunst!
Und sie fanden ein paar andere Dinge, eine Aktentasche, die ihm nicht gehörte, mit ein paar Playboy-Heften oder so was darin. Aber sie durchsuchten das ganze Haus des Jungen, 10.000 Bücher. Und das veranlaßte uns, das Gleiche zu tun, sie anzusehen.
Es gab Plätze, an denen er gern saß und las; da waren Bücher mit seinen Lesezeichen und seinen Notizen und allem darin. Und ich kann Ihnen aus Gesprächen mit ihm sagen, daß er sehr - besonders für einen Autodidakten, wie er es war; er hatte seine eigene Leseliste - er war sehr belesen. Ich will nicht sagen, daß ich besonders belesen bin, aber, sagen wir so, ich habe sicherlich viel gelesen. Ich finde Gefallen an Philosophie und Geschichte, und es war sehr angenehm, mit ihm darüber zu sprechen, denn er war sehr intellektuell, und er liebte es, über diese Dinge zu sprechen. Er prahlte jedoch nicht damit, und es kam sehr selten vor, daß er von selbst ein solches Gespräch begann. Doch wenn man mit ihm in ein Gespräch wie dieses geriet, dann war er da.
Erinnern Sie sich an das letzte Mal, daß Sie ihn sahen oder mit ihm sprachen?
Das letzte Mal, daß ich mit ihm sprach, war gleich nach der Verhandlung, und dann verließ er das Land. Ich habe ihn seitdem nicht persönlich, in Person gesehen - ich sprach am Telefon mit ihm. Natürlich sprach ich mit Menschen um ihn herum, denn wir kümmerten uns weiterhin um seine Angelegenheiten. Doch das Beste, das ich sagen kann - und ich will meine Bedeutung in seiner Welt nicht teuer verkaufen - ich möchte diese Seite von ihm vermitteln, die die Leute nicht sehen.
Ich hasse es jedes Mal, wenn ich höre, wie Jay Leno oder sonst jemand eine gemeine Bemerkung macht - und ich denke, Jay Leno ist ein sehr lustiger Mensch - aber jedes Mal, wenn sie etwas Gemeines sagen, denke ich, das ist wirklich nicht fair, denn das ist nicht, wer er ist.
Nur wenige Menschen hatten die Gelegenheit, seine Freundlichkeit und die seiner Familie wirklich zu erfahren. Und nur wenige Menschen hatten wirklich die Möglichkeit, diese intellektuellen Gespräche über große Denker und Dichter mit ihm zu führen. Freud und Jung – gehen Sie auf die Straße und versuchen Sie, fünf Personen zu finden, die über Freud und Jung sprechen können.
Verwalten Sie sein Vermögen?
Nein, nein. Ich vertrat ihn nur hier in Angelegenheiten, die Santa Barbara betrafen.
Und wie ist der Status der Neverland Ranch?
Ich weiß es nicht genau – ich zögere immer, mich dazu zu äußern, weil ich es nicht genau weiß. Es wurde von einem Investor übernommen. Ich weiß nicht, ob es vollständig verkauft wurde, dessen bin ich nicht sicher.
Aber Michael - nachdem es drei Mal erfolglos von der Polizei durchsucht wurde - es erschütterte ihn. Er lebte dort bis zum Prozeß und auch weiterhin während des Prozesses, aber kurz vor der Verhandlung erwirkten sie einen Durchsuchungsbefehl und gingen wieder zurück, angeblich, weil sie die Baupläne des Hauses finden wollten.
Dabei hätten sie uns nur darum bitten müssen, und wir hätten sie ihnen ausgehändigt. Sie hätten einen Antrag bei Gericht stellen können, und wir hätten sie ihnen überlassen. Sie hätten auch einfach ins Archiv gehen und sie holen können. Doch es war ja nur ein Vorwand, um hinauszufahren und das Anwesen ein weiteres Mal zu durchsuchen.
Sie weckten ihn in den frühen Morgenstunden, und seine Kinder waren da; und nach all dem sagte er: „Ich glaube nicht, daß ich hier weiter leben kann." Und das war eine Schande.
Er hatte seinen Baum. Er saß in diesem Baum, und er schrieb einige seiner Lieder dort.
Es ist so etwas wie ein historischer Ort, doch für ihn war es ein sehr persönlicher Ort.

Quelle: mjjackson-forever

Übersetzung von Pearl